Menschwerdung

(Aus dem Verse-Band HERR DER WELT)

*

Der Tiger dort im dichten Dschungel

verwehret Artgenossen Raum.

Dass er mit Seinesgleichen kungel’,

ist Jägerlatein oder Traum.

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Der starke Bär verfährt desgleichen;

auch er lebt gern für sich allein.

Ein jeder And’re muss ihm weichen;

– Platz soll nur für den Stärksten sein.

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Streit gibt’s selbst unter Herdentieren,

welch allein’ leben mögen nicht.

Rinder einander drangsalieren,

wenn Schwäch’re achten nicht ihr’ Pflicht.

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Der Mensch erinnert an die Ratte

in seinem ganzen Lebensstil.

Er streitet gern und führt Debatte,

wenn das Gedräng’ ihm wird zuviel.

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Wie sie lebt er mit Anverwandten;

empfindet vor all’ Fremdem Scheu.

Bei Neuem lässt er Vorsicht walten;

– bleibt seinen Lebensräumen treu.

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Bedrängt man ihn, so führt er Kriege.

zu schützen angestammtes Land.

Erweitert dieses, kommt’s zum Siege,

um dort zu herrschen mit Verstand.

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Ist groß und stark er dann geworden,

so breitet er sich weiter aus,

indem er schickt bewaffnet’ Horden.

– So wächst des eig’nen Blutes Haus.

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– Sind wir nun Wölfe oder Ratten ?

Gleichen wir eher doch dem Bär ?

Ist nicht genug uns, was wir hatten ;

– erstreben darum immer mehr ?

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Ist’s nur der Wunsch, uns zu vermehren,

der uns nicht kommen lässt zur Ruh’;

– der zwingt uns, auszuzieh’n mit Heeren,

um zu erobern immerzu ?

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Oder gibt’s dafür and’re Gründe,

von welchen noch nichts ahnen wir ?

Seh’n Krieg wir etwa nicht als Sünde;

– steckt in uns noch ein Rest vom Tier ?

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Wer mag die ganze Wahrheit finden ?

Wer weiß, was ruht tief in uns d’rin ?

Wird Unklarheit einmal verschwinden

und friedlich werden unser Sinn ?

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Von Alt’ her hatt’s wohl schon begonnen;

Gewalt bestimmte die Kultur.

Jehova’s Blutdurst nicht entronnen,

blieb Aug’ um Aug’ die Regelschnur.

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Wie kam man nur auf solch’ Gedanken,

dass Rach’ dem Menschen nützlich sei ?

– Erkennen wir hier uns’re Schranken,

welch’ geben uns bis heut’ nicht frei ?

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Zu nahe sind wir noch dem Tiere;

zu weit noch von der Schöpfung’s Kron’.

Egal auch, dass man’s Fell verliere;

– nicht weit gegangen sind wir schon …

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Sind wirklich wir nur nackte Affen,

welche verließen ihren Wald;

– die kleiden sich und tragen Waffen;

– beherrscht von tierischer Gewalt ?

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Von Eigennutz und Gier verblendet,

nicht achtend uns’res Nächsten Leid;

nicht fragend, wie’s wohl einmal endet;

– zum wahren Menschen nicht bereit…?

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– So mag es uns wohl oft erscheinen,

wenn wir beseh’n der Welten Lauf.

Unmöglich scheint’s, uns zu vereinen;

– so nehmen Feindschaft wir in Kauf.

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Doch irgendwann wird es sich ändern,

da sonst das Leben selbst bedroht,

– Wird kommen Rat aus allen Ländern,

bevor die Menschheit ganz verroht ..!

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Wir mögen weiter uns entwickeln

und werden reifen mit der Zeit.

Nicht mehr in Mord und Raub verwickeln

und zeigen endlich Einigkeit.

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Ich wünsch’, daß es nicht bleibt beim Traume,

sondern die Menschwerdung gelingt;

– der Apfel vom Erkenntnisbaume

uns endlich die Erlösung bringt…

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Kategorisiert in Allgemein

Von Bernd Michael Grosch

War eine Art Globetrotter, der in jüngeren Jahren die Welt bereiste und nahezu 9 Jahren in Asien lebte. Seit 2009 lebe ich wieder regulär in Deutschland.